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Interview mit Martina Schulze: „Wir brauchen jetzt tätige Hilfe von der Politik und der Bevölkerung, nicht nur Absichtserklärungen“

Am 13.09.2017 parkte der Bus des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) auf seiner vorletzten Etappe quer durch die Bundesrepublik direkt vor dem Brandenburger Landtag auf dem Alten Markt in Potsdam. Kurz vor den Bundestagswahlen sollte auf die berufliche Situation der Hebammen und die Mangelversorgung von Schwangeren, Gebärenden und frischgebackenen Müttern mit Hebammenbetreuung aufmerksam gemacht sowie die Politik zur Unterstützung beim Lösen der Probleme aufgefordert werden. Bei strahlendem Sonnenschein, viel Wind und passend dazu dampfendem, fairen Kaffee diskutierten die vier Bundestagskandidatinnen Jana Schimke (CDU), Linda Teuteberg (FDP), Kerstin Kühn (Die Linke) und Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) zusammen mit Martina Schulze vom Hebammenverband Brandenburg und etwa 30 Hebammen, Auszubildenden und Müttern über die Situation der Hebammen und die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und Müttern. Die Moderation des Podiums übernahm Kerstin Lehmstedt vom RBB Radio Eins.

Im Interview mit Sabine Carl erklärt Martina Schulze, worum genau es beim „Hebammenprotest“ geht.

Martina, warum reist der Deutsche Hebammenverband im Sommer 2017, mit einem Bus quer durch die Republik?

Vor der Bundestagswahl wollten wir bundesweit auf die Situation der Hebammen aufmerksam machen – freiberufliche und angestellte; in der Klinik und außerklinisch; mit und ohne Geburtshilfe. Die Bustour gehört zur Kampagne des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) „Geboren mit der Hilfe meiner Hebamme“.

Diese Kampagne haben sicherlich viele wahrgenommen – u.a. macht sie mit riesigen Werbeplakaten darauf aufmerksam, welche zentrale Rolle Hebammen in unser aller Leben spielen – da jede und jeder „mit der Hilfe einer Hebamme geboren“ wurde. Angesichts dieser scheinbar so offensichtlichen Feststellung wundern sich vermutlich nicht wenige darüber, was denn nun genau die Probleme der Hebammen sind – Könntest du dazu mehr erzählen?

Wir erleben zunehmende und ernstzunehmende Engpässe in der Hebammenversorgung, außerhalb der Kliniken in allen Bereichen der Vor- und Nachsorge, sowie der Begleitung unter der Geburt. In den Kliniken herrscht ebenfalls Personalmangel –

Genau wie in der Pflege? –

Genau, wie in der Pflege, ja. Wir erleben einen zunehmenden Hebammenmangel wegen der schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen dieser Beruf ausgeübt wird. Dazu gehören unregelmäßige Arbeitszeiten, Schicht- und Wochenenddienste, und Rufbereitschaften. Das ist an sich ja normal in medizinischen Berufen. Allerdings müssen diese von immer weniger Hebammen gestemmt werden.

Neben den schwierigen Arbeitsbedingungen spielt in der Pflege auch die geringe Bezahlung eine Rolle. Auch von manchen Hebammen ist zu hören, dass sie mittlerweile von ihrem Beruf nicht mehr leben könnten, geschweige denn eine eigene Familie zu ernähren. Das sei neben den Arbeitsbedingungen ein weiterer Grund, dass immer weniger Menschen diesen Beruf ergreifen. [i] Heißt das, dass Hebammen sich den Beruf quasi ‘nicht mehr leisten können‘?

In einigen Fällen heißt es genau das. Einer der Knackpunkte ist die regelmäßig steigende Berufshaftpflichtversicherung. Der Haftpflichtbeitrag liegt für Kolleginnen, die Geburten zu Hause und in Geburtshäusern betreuen, derzeit bei knapp 8.000,00 € pro Jahr. Der Sicherstellungszuschlag entlastet viele Kolleginnen, jedoch nicht alle. Mit steigenden Beiträgen der Berufshaftpflicht wächst für die Kolleginnen mit außerklinischer Geburtshilfe der Eigenanteil, trotz Sicherstellungszuschlag.

Aber Anfang September gab es doch einen Schiedsstellenbeschluss[ii], aufgrund dessen die Krankenkassen für diese Beiträge (wie schon in den Jahren zuvor) mit in die Pflicht genommen werden und eine Vergütungserhöhung von traumhaften 17% beschlossen wurde. Ist damit das Problem nicht gelöst?

Der Sicherstellungszuschlag[iii] zur Berufshaftplicht, der auf Antrag an die Krankenkassen von diesen ausgezahlt werden kann, entschärft die Situation. Er ist jedoch nicht die abschließende Lösung des Problems, da die – selbst für den GKV unerklärlich hohen Prämien[iv] – weiterhin zuallererst durch die Hebammen zu tragen sind. Wir fordern stattdessen einen steuerfinanzierten Fonds für – die eher seltenen – Haftpflichthärtefälle.

Aber 17% mehr Lohn? Davon träumen doch andere nur…

Die Vergütungssteigerung um 17% hört sich toll an, reicht aber angesichts des bisher viel zu geringen Verdienstes in vielen Fällen einfach nicht aus. Außerdem können mit diesem Beschluss bis 2020 keine weiteren Vergütungssteigerungen vorgenommen werden. Das macht pro Jahr eine Steigerung von etwa 5,6%. Manche Hebammen kommen aber auf einen Nettostundenverdienst von 4,50 €, oder weniger. Da kann sich jede und jeder selber ausrechnen, wie viel mehr Verdienst durch die 17% tatsächlich rausspringen.

Du sagst, dass davon vor allem freiberufliche Hebammen betroffen sind. Von dieser Gruppe wiederum trifft es jene am härtesten, die Hausgeburten anbieten. Von welchen Zahlen reden wir hier genau?

Das ist ein weiteres Problem: Wir verfügen gar nicht über valide Daten zur Anzahl der aktiven freiberuflichen Hebammen, d.h. wir wissen einfach nicht genau, wie viele Hebammen in welchem Umfang freiberuflich tätig sind und welche Leistungen sie überhaupt anbieten. Wir wissen aber, was wir alltäglich sehen und zurückgemeldet bekommen: Wir Hebammen tauschen uns untereinander aus – nicht zuletzt im Deutschen Hebammenverband – und wir bekommen immer zahlreichere Rückmeldungen von Schwangeren die keine Hebamme finden konnten, die sie während Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett begleitet. Wir brauchen und fordern deshalb auch belastbare Daten. Erst mit diesen Daten können wir gemeinsam mit den Vertretern der Politik überhaupt angemessene Instrumente entwickeln. Und nur so kann die Mangelversorgung gestoppt werden.

Sind freiberufliche Hebammen also ein Fall für die Forschung?

Ja und das in doppelter Hinsicht. Denn bei all diesen Aspekten spielt auch eine Rolle, dass die EU von ihren Mitgliedsstaaten fordert, die Hebammenausbildung an die Hochschulen zu bringen. Nun kann man sich fragen, ob es angesichts unseres bewährten dualen Ausbildungssystems wirklich Sinn macht, diesen Beruf weiter zu „verschulen“. Die Akademisierung der Hebammenausbildung ist aber eine Vorschrift, die nun auf Bundes- und Länderebene umgesetzt werden muss, ob wir wollen oder nicht.

Könnte ein Hochschulabschluss vielleicht auch dabei helfen, den Hebammenberuf insgesamt aufzuwerten?

Wenn die Politik sich mit dem Hebammenwesen auf Grund dieser Vorschrift nun intensiv beschäftigt und wenn die Anerkennung für unseren Beruf durch einen Hochschulabschluss steigt, dann heißt die Antwort vielleicht wirklich „ja“. Denn im Grunde genommen kann es eigentlich nur in unserem Interesse sein, die Aufmerksamkeit und Sorgfalt der Politik und die Anerkennung gegenüber dem Beruf zu erhöhen. Das käme einerseits den Schwangeren und ihren Familien zugute und könnte andererseits den Hebammen zu besseren Arbeitsbedingungen und einem angemessenen Verdienst verhelfen.

Um diese Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erreichen, habt ihr vom deutschen Hebammenverband diese riesige Kampagne aufgezogen und im Sommer schließlich sogar eine Bustour unternommen, um vor der Bundestagswahl die Politik auf die Probleme der Hebammen aufmerksam zu machen und eure Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Am 13.09.2017 hat der Hebammenbus in Potsdam, vor dem Brandenburger Landtag halt gemacht, es gab eine Diskussionsveranstaltung mit den Politikerinnen von Bündnis 90/Grünen, Die Linke, CDU und FDP. Wie ist es aus deiner Sicht gelaufen?

Die Diskussion – an der ich ja auch als Rednerin beteiligt war – empfand ich als gut. Das Publikum hat viele gute Fragen gestellt und aus dem eigenen Alltag berichtet. Die Kandidatinnen waren gut informiert, sie haben – mit unterschiedlichen Schwerpunkten – Unterstützung für unsere Forderungen zugesagt. Wir werden sie beim Wort nehmen!

Welche Themen wurden denn durch die Zuschauerinnen und Hebammen an die Politikerinnen herangetragen?

Das Publikum interessierte sich insbesondere für die Haftpflichtproblematik und für eine angemessene Vergütung der Leistungen aller Hebammen. Große Fragezeichen gab es bezüglich der anstehenden Akademisierung des Hebammenberufes, die noch überhaupt nicht vorbereitet ist und für die es folglich keinen festen, wohldurchdachten Fahrplan gibt. Das führt zu Unsicherheit unter den Hebammen und jenen, die den Beruf erlernen wollen. Auch die schwierigen Arbeitsbedingungen der Hebammen in den Kliniken wurden zur Sprache gebracht, denn auch sie leiden ja unter den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. Mit besonderer Sorge beobachten Hebammen, Schwangere und Frauen, die eigentlich gerne schwanger werden wollen, zudem die Schließung kleiner Entbindungsabteilungen, bzw. die zunehmende Zentralisierung der medizinischen und Hebammen-Geburtshilfe in größeren Städten. Außerdem wurde beklagt, dass die Hebammenschaft im Vergleich zu den Krankenkassen und Ärzteverbänden nur über eine geringe Lobby und vergleichsweise geringe Einflussmöglichkeiten verfügt. Und nicht zuletzt wurde kritisch über die zunehmende Pathologisierung von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett diskutiert, d.h. das die Schwangerschaft zunehmend wie eine Krankheit, wie ein unkontrollierbares Risiko betrachtet wird. Das geht vielen gegen den Strich. Die Zuschauerinnen fragten insbesondere, was seitens der Politik dagegen getan würde.

Eine gute Frage – wie haben die Politikerinnen geantwortet, bzw. reagiert?

Ohne alle über einen Kamm scheren zu wollen – Sie haben in vielem zugestimmt und zugesagt, unsere Themen weiter voranbringen und Hebammen unterstützen zu wollen. Jetzt gilt es, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Unterschiede haben sich dagegen vor Allem darin gezeigt, welche Finanzierungs- und damit auch Gestaltungsmodelle die unterschiedlichen Parteien der Hebammenversorgung einräumen.

Meine Wahrnehmung bei der Diskussion war, dass es zwei mehr oder weniger eindeutige Lager gab: Die Vertreterinnen von FDP und CDU halten eine flächendeckende Versorgung aufgrund des Wegzugs vieler Menschen aus den ländlichen Gebieten und der Wirtschaftskrise nicht für öffentlich finanzierbar. Sie forderten Kompromissbereitschaft, bzw. private Vorsorge seitens der Hebammen und Familien. Währenddessen betonten die Vertreterinnen von Grünen und Linken, das es notwendig sei, die finanziellen Mittel für die Hebammenversorgung zu erhöhen. Die neueren Entwicklungen, wie die steigende Geburtenrate und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen machten dies notwendig. Müssen wir für eine gute Hebammenversorgung also links-grün wählen?

Das mag ich nicht bestimmen, das müssen die Wähler_innen für sich selbst entscheiden. Alle Seiten haben anschauliche Argumente für ihre Forderungen. Die haben wir aber auch. Wir werden die Parteien daran messen, ob sie tatsächliche Verbesserungen für die Hebammenversorgung erreichen.

Im Rahmen der Disskussionsveranstaltung konnten die Zuschauer*innen auch Fragen auf Postkarten formulieren, die dann gebündelt an die Politik übergeben wurden. Welche Fragen wurden auf den Postkarten gestellt?

Auf den Postkarten fanden sich die gleichen Themen, wie in der Diskussion: Haftpflichtproblematik und Vergütung; Arbeitsbedingungen in den Kliniken und Schließungen, bzw. Zentralisierung von Geburtsstationen; die geringe Lobby der Hebammenschaft gegenüber anderen Akteuren; die Akademisierung der Hebammenausbildung und nicht zuletzt die zunehmende Pathologisierung von Schwangerschaft und Geburt. Das all diese Themen nicht nur aufgeschrieben, sondern in der Runde angesprochen und diskutiert wurden – das ist für mich ein eindrücklicher Beleg für die konstruktive Atmosphäre auf dieser sehr gelungenen Veranstaltung.

Die Diskussion hier in Potsdam war eine von insgesamt 16 Veranstaltungen. Die letzte fand am 16.September 2017 in Berlin statt. Was nimmst du von der Bustour mit?

Eines hat sich auf unserer Bustour deutlich gezeigt: Die Probleme hier in Brandenburg sind dieselben, wie in den anderen Bundesländern. Wir brauchen jetzt tätige Hilfe von der Politik und der Bevölkerung, nicht nur Absichtserklärungen. Das war auch der Wunsch der Anwesenden bei unserem Kampagnetag.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Weiterführende Links

Alle Infos zur DHV-Kampagne „Geboren mit der Hilfe meiner Hebamme“.

Alle Infos und Berichte zur Deutschlandtour 2017 „Unsere Hebammen“ – im Rahmen der Kampagne. 

Stellungnahme des DHV zum Schiedsgerichtsurteil vom 05. September 2017. 

Stellungnahme des DHV zur Zentralisierung der klinischen Geburtshilfe.

Hier geht es zum Veranstaltungsbericht des Kampagnetags von Martina Schulze.

[i] https://www.svz.de/regionales/brandenburg/wirtschaft_bb/aufschrei-der-hebammen-id6280671.html. 05.12.2017.

[ii] Weil sich die Hebammenverbände und die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) seit dem Sommer 2016 nicht über Vergütung und Arbeitsbedingungen der Beleghebammen, d.h. freiberuflicher Hebammen, die Geburten in Kliniken begleiten, einigen konnten, wurde Anfang März eine Schiedsstelle angerufen, die am 19.Mai 2017, am 4.Juli 2017 und am 5.September 2017 tagte und schließlich einen verbindlichen Schiedsstellenbeschluss vorlegte. In einer Stellungnahme vom 12.September 2017 beklagt der Deutsche Hebammenverband „weitreichende Einschnitte in die Berufsausübung von freiberuflichen Hebammen“. (https://www.hebammenverband.de/aktuell/nachricht-detail/datum/2017/09/12/artikel/einschnitte-in-die-berufsausuebung-von-hebammen-hebammenverband-kritisiert-beschluss-der-schiedsste/. 20.11.2017)

[iii] Der Sicherstellungszuschlag soll einen Ausgleich für die stark gestiegenen Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen darstellen. Er kann von diesen bei den Krankenkassen beantragt werden. 2015 eingeführt, ersetzte der Sicherstellungszuschlag alle bis dahin geltenden Vergütungen für Haftpflichtkosten. Das Resultat war ein Defizit für die Hebammen, da der Sicherstellungszuschlag die Haftpflichtkosten nicht vollumfänglich ersetzt. (https://www.hebammenverband.de/aktuell/nachricht-detail/datum/2015/09/28/artikel/sicherstellungszuschlag-bedeutet-fuer-hebammen-geringeren-ausgleich-von-haftpflichtpraemien/. 20.11.17)

[iv] Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ist Verhandlungspartner der Hebammenverbände um Lohn und Arbeitsbedingungen. Der Verband räumt ein, nicht zu wissen, auf welcher Grundlage die Haftpflichtprämien durch die Versicherer fortlaufend bemessen und angepasst werden. (https://www.gkv-spitzenverband.de/presse/themen/hebammenverguetung/thema_hebammen.jsp. 20.11.2017)