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Das tolerante Sofa – Wir können wählen, oder?

Am 13. März 2018 luden das Neue Potsdamer Toleranzedikt und das Autonome Frauenzentrum zu einer Frauenwochen-Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Das tolerante Sofa“ in den Plenarsaal des Rathauses Potsdam ein.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts fragten die Veranstalterinnen „Wir haben die Wahl, oder?“ und schlugen an diesem Ort der Demokratie in Potsdam einen Bogen von der Geschichte in die Gegenwart.

Zu Beginn gab Jeanette Toussaint einen Einblick in die Geschichte mit ihrem Vortrag über die weiblichen Stadtverordneten von Potsdam und Nowawes in der Weimarer Republik. Sie berichtete unter Anderem, dass bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung Anfang 1919, bei der Frauen zum ersten Mal wählen durften, die Wahlbeteiligung der Frauen bei über 80% lag. In Potsdam wirkten die ersten weiblichen Stadtverordneten in vielen Bereichen, stellten aber in der gesamten Weimarer Republik stets unter 15% der Verordneten des Stadtparlaments. Toussaint berichtete auch von mutigen Abgeordneten wie Pauline Wuttke, die sich trotz Repressionen durch die NSDAP politisch engagiert hat. Den höchsten Anteil an weiblichen Stadtverordneten erreichte Potsdam im Jahr 1993 mit 44 % – seitdem geht es leider wieder bergab und Toussaint schloss ihren Vortrag mit den Worten „Da gibt es noch einiges aufzuholen!“

Das eigentliche „Tolerante Sofa“ begann dann auf dem Podium des Plenarsaals mit der Talkrunde bestehend aus der Landesgleichstellungsbeauftragten Monika von der Lippe, dem Radiomoderator Jürgen Kuttner und Bettina Jahnke, der Intendantin des Hans Otto Theaters in Potsdam.

Anschließend an das Thema des 100-jährigen Frauenwahlrechts ging es nun um den heutigen Stand der Partizipation von Frauen in Parlamenten, um aktuelle Gesetzesinitiativen, strukturelle Hürden und verschiedene Methoden, um ein zentrales politisches Ziel zu erreichen: Unterschiedliche Menschen müssen ihre Interessen in den Parlamenten vertreten können. Damit schloss die Landesgleichstellungsbeauftragte beispielsweise auch behinderte Frauen, Migrantinnen ohne Wahlrecht, usw. ein – denn es gehe nicht nur darum, dass Frauen in den Parlamenten säßen, sondern auch welche Politik dann dort von ihnen gemacht werde.

Bettina Jahnke berichtete von der ersten Konferenz der Theatermacherinnen in Bonn, die letzte Woche stattfand und problematisierte, dass auch die Theaterlandschaft in Deutschland immer noch stark von Männern dominiert ist: 70% der Inszenierungen stammen von Männern und nur 20% der Theaterleitungen sind weiblich. Auch in diesem Bereich wird aktuell über Quotenregelungen nachgedacht und Jahnke möchte als Intendantin ebenfalls darauf achten, dass Frauen „Gehör, Macht und Gestaltungsfreiheit“ bekommen und in ihrem Haus mindestens die Hälfte aller Stücke von Frauen inszeniert werden.

Jürgen Kuttner, der sich gegen „Wohlfühlfeminismus“ und den Konsum vom H&M-„Feminist“-Shirts ausspricht, hat am Deutschen Theater „Feminista, Baby“  inszeniert. Dieses ungewöhnliche Stück basiert auf dem „SCUM Manifesto“ von Valerie Solanas, das als radikalfeministischer Text auch an die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen erinnert, die mit Feminismus zu tun haben. Er betont, dass Feminismus und Gleichberechtigung Frauen- und Männersache seien.

Letztendlich fanden sich in der Diskussion viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen von Themen in der Politk, im Theater und in der Gesellschaft an sich. Es wurde über Sprache, die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen und die Möglichkeiten politischer Partizipation leidenschaftlich diskutiert und am Ende hatte Monika von der Lippe sicherlich Recht mit ihrer anfänglichen Einschätzung, dass dies eine der intellektuell anspruchsvollsten Veranstaltungen der diesjährigen Frauenwoche war.

Text und Foto: Sarah Stöckigt