Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen: Sich gegenseitig bestärken

„Ich komme aus einer Familie mit extrem starken Frauen“, sagt Christine Färber von der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Brandenburg (ASF) im Interview. „Sie haben mich geprägt und ich habe mir das genommen, was ich brauchte.“ Und: sie lernte früh, egalitär zu denken und orientiert sich an der Stärke anderer Menschen. Doch jemanden, der sie unterhakte, um sie zu fördern, hatte sie selbst nicht.

Stattdessen erzählt sie von gleichberechtigten Kooperationen, die sie beispielweise als  Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin (1991-99) oder als Sprecherin der Bundeskonferenz der Frauen und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen erlebte. Mit Frauen wie Jutta Limbach, Christine Bergmann und Regine Hildebrandt verbanden sie fruchtbare Arbeitsbeziehungen.

„Parteien, gleich welcher Couleur, warten nicht darauf, dass Frauen Politik machen“

Die damalige Mitdreißigerin profitierte in den bewegten Nachwendezeiten ungemein von diesem Netzwerk engagierter Frauen. Und begann 2010 in der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) in Brandenburg mit einem Mentoring-Programm, das bis heute fortgeführt wird. Es trägt den Namen Regine Hildebrandts. Frauen aus allen sozialen Schichten, verschiedener Altersgruppen und aus allen Ebenen der Brandenburger SPD sollten in der ASF die Möglichkeit bekommen, einander kennenzulernen, sich  gegenseitig wertzuschätzen und zu (be-)stärken, letztendlich: sich in alle Richtungen zu vernetzen.

Dass die ganz „normale“  Brandenburgerin sich politisch engagiert, eine eigene Stimme findet und entwickelt, ist der 1964 im Hochschwarzwald geborenen Christine Färber immens wichtig. Sie war die Erste (Frau) in ihrer Familie, die eine Universität von innen gesehen und sich schon als Jugendliche vor Ort politisch engagiert hat. Schon damals empörte sie, dass sie zwar die Basisarbeit machen durfte, aber im Vorstand des Vereins später nur Jungen saßen. „Parteien, gleich welcher Couleur, warten nicht darauf, dass Frauen Politik machen“, ist eine Erfahrung, die sie mit vielen Geschlechtsgenossinnen teilt.

„Ich muss selber kämpfen“ ist ein Leitspruch, der sie seitdem begleitet.  Und der zugleich stetig gewachsene Vorsatz, die Nähe zu anderen Frauen suchen, die in einer ähnlichen Situation sind. Christine Färber, die heute als Professorin für empirische Sozialforschung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg lehrt, setzt dabei auf Empowerment. In dem von ihr konzipierten ASF-Mentoring-Programm ging es darum, dass sich Mentorinnen und Mentees nicht hierarchisch, sondern auf Augenhöhe begegnen und sich wechselseitig unterstützen lernen.

Sich auf Augenhöhe begegnen und kennen- und schätzen lernen

Bei regelmäßigen Treffen und in Workshops über ein Jahr verteilt, lernen sich die Frauen kennen. Es geht um die eigene Stimme, und darum einen Weg zu finden, diese wirksam werden zu lassen. Beispielsweise, um für Posten in allen Parteiebenen zu kandidieren, die eine gerne ausfüllen möchte. Während die Mentees von den Erfahrungen der Mentorinnen profitieren, können jene das gute und bestärkende Gefühl entwickeln, dass andere Engagierte nachkommen, die den von ihnen eingeschlagenen Weg weitergehen. Eine Situation des Gebens und Nehmens entsteht.

Das eigene Profil zu finden und zu entwickeln ist jedoch nicht nur für Mentees wichtig, „auch Profis kriegen feuchte Hände, wenn sie im Live-Interview nach ihrer Motivation gefragt werden“, sagt Christine Färber und wenn sie sofort druckreif antworten sollen. Dies in einem geschützten Rahmen eines Rhetorik-Trainings zu erleben und sich dabei gegenseitig zu unterstützen, schafft Nähe und Verbindungen, die auch in anderen Situationen belastbar sind.

Mehr als 150 Frauen haben seitdem das ASF-Mentoring-Programm durchlaufen und die Entwicklung ehemaliger Mentees wie Katrin Lange, Ulrike Häfner oder Martina Dettke geben Christine Färber und ihrem solidarischen Ansatz Recht. „Denn Frauen sind nicht automatisch die besseren Menschen“ und es ist wichtig, dass sie sich gegenseitig sehen und unterstützen lernen.

Weibliche Vorbilder: Der Pauline-Staegemann-Preis

Auf Christine Färbers Initiative geht auch die Auslobung des Pauline-Staegemann-Preises (seit 2004) zurück. Da geht es auch um weibliche Vorbilder, sagt Färber und Jutta Limbach hat sich damals, motiviert durch die Brandenburger ASF-Frauen, mit ihrer Urgroßmutter Pauline Staegemann beschäftigt. Diese gründete als Dienstmädchen 1873 zusammen mit anderen Frauen die erste sozialdemokratische Frauenorganisation, den Berliner Arbeiterfrauen- und Mädchenverein. Pauline Staegemanns Engagement trug (nicht nur) in der eigenen Familie Früchte: Sie ist die Mutter der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Elfriede Ryneck und die Urgroßmutter von Jutta Limbach, der ersten Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts.

Text: Astrid Priebs-Tröger
Foto: Anne Heinlein

 

Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Brandenburg (ASF)

Die ASF wurde 1990 gegründet und ist seit 1992 Mitglied im Frauenpolitischen Rat.

Sie ist die Frauenorganisation der SPD. Frauen aller Generationen und sozialer Schichten sind Mitglied; sie setzen sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Partei und allen gesellschaftlichen Bereichen ein.

Das Mentoringprogramm steht Frauen ab 16 Jahren offen und der Pauline-Staegemann-Preis wird alle zwei Jahre, so auch 2017, verliehen.

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